Der römische Spielwürfel aus der Villa Borg – Spiele, Spaß und Spannung im antiken Rom
Die Museumslandschaft des Saarlandes: Ein Streifzug durch Geschichte und Kultur
Kultur & Leben | Saarbrücker Zeitung
Das Saarland, oft als das "kleine Bundesland mit großer Vielfalt" bezeichnet, beherbergt eine beeindruckende Anzahl von Museen, die die reiche Geschichte und Kultur der Region widerspiegeln. Von historischen Stätten bis hin zu spezialisierten Sammlungen bietet das Land für jeden Interessierten etwas. Wir nehmen Sie mit auf eine Reise zu einigen der bemerkenswertesten Museen des Saarlandes.
Kupferbergwerk Düppenweiler: Ein Abstieg in die Bergbaugeschichte
In Beckingen-Düppenweiler lädt das Kupferbergwerk Besucher ein, die Tiefen des saarländischen Bergbaus zu erkunden. Dieses Museum ermöglicht es, die harte Arbeit und das Leben der Bergleute hautnah nachzuempfinden. Ein Rundgang durch die Stollen vermittelt ein authentisches Bild des historischen Kupferabbaus in der Region.
Saarländisches Bergbaumuseum Bexbach: Ein Denkmal der Industriekultur
Das Saarländische Bergbaumuseum in Bexbach widmet sich der umfassenden Darstellung des Bergbaus, der das Saarland über Jahrhunderte geprägt hat. Neben beeindruckenden Exponaten zur Technik und Geschichte des Bergbaus bietet das Museum einen Aussichtsturm, von dem aus man einen weiten Blick über die ehemalige Bergbauregion genießen kann.

https://www.worldhistory.org/Rome/
Der römische Spielwürfel aus der Villa Borg – Spiele, Spaß und Spannung im antiken Rom

Klack-klack-klack – ein kleiner Würfel aus Tierknochen tanzt über den hölzernen Tisch, während die Abendsonne schräg in den Innenhof der Villa Borg fällt.
Rund um den Tisch halten ein paar Gäste und Familienmitglieder den Atem an. Wird es eine Sechs? Endlich bleibt der Würfel liegen – Jubel auf der einen, enttäuschtes Stöhnen auf der anderen Seite.
So oder so ähnlich könnte es vor fast 2000 Jahren im römischen Landgut Villa Borg geklungen haben, wenn die Bewohner bei einem Würfelspiel die Zeit vergaßen. Heute können wir in diesem Archäologiepark nicht nur erahnen, wie die Römer lebten und feierten, sondern auch anhand eines besonderen Fundstücks – eines originalen römischen Spielwürfels – einen lebhaften Eindruck vom Spiel und Spaß in der Antike bekommen.
Ein kleiner Würfel mit großer Geschichte
Schon der gefundene Würfel selbst erzählt eine spannende Geschichte. Auf den ersten Blick sieht er einem heutigen Spielwürfel verblüffend ähnlich: sechs Seiten mit Punkten von eins bis sechs, sauber in den Würfel eingebohrt. Tatsächlich folgt die Anordnung der Punkte exakt dem auch heute üblichen Muster: 1 liegt gegenüber von 6, 2 gegenüber von 5, 3 gegenüber von 4, sodass gegenüberliegende Seiten immer die Summe 7 ergeben
. Diese Konfiguration ist also keine moderne Erfindung – bereits in der Antike achtete man darauf. Ein byzantinischer Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts, Eustathios von Epiphaneia, hielt sogar ausdrücklich fest, dass Würfel so zu nummerieren seien, dass die gegenüberliegenden Seiten zusammen sieben ergeben
. Unser Borg-Würfel folgt genau dieser Regel. Es ist faszinierend zu sehen, dass etwas so Alltägliches wie die Punktanordnung auf einem Würfel seit mindestens anderthalb Jahrtausenden unverändert geblieben ist.
Der Würfel aus der Villa Borg misst gerade einmal rund einen Zentimeter Kantenlänge – in etwa so groß wie ein heutiger Zuckerwürfel. Gefertigt ist er aus Tierknochen, wahrscheinlich Rinder- oder Schafsknochen, der sorgfältig zugeschnitten und glatt geschliffen wurde
. Seine Oberfläche schimmert schwarz bis dunkelbeige, fast als hätte man ihn poliert, damit er gut in der Hand liegt
. Die Augen, also die Punktmarkierungen, sind als Kreisaugen gestaltet – das heißt, jeder Punkt ist von einem feinen Kreis umgeben, was dem Würfel ein dekoratives Aussehen gibt.
Solche Kreisaugen waren in römischer Zeit verbreitet und halfen, die Vertiefungen der Augen besser sichtbar zu machen. Man kann sich vorstellen, wie dieser kleine Würfel durch viele Hände ging: vielleicht von dem Besitzer der Villa höchstpersönlich, vielleicht aber auch von seinen Bediensteten oder Gästen, die sich bei einem Spielchen die Zeit vertrieben.
Abb. 1: Blick in eine römische Taverne – Ein Fresko aus Pompeji zeigt Würfelspieler, die offenbar in Streit geraten. Der Wirt (rechts) wirft die beiden Streithähne kurzerhand hinaus. Solche Szenen belegen, wie beliebt (und hitzig) Würfelspiele im alten Rom waren.
Interessant ist, dass der Würfel als Fundstück in einem luxuriösen Landhaus auftaucht. Die Villa Borg war kein einfaches Bauernhaus, sondern ein großzügiges Anwesen mit Badeanlage, Festsaal und sogar einer eigenen Taverne. Dass man hier einen Würfel fand, zeigt: Spiele gehörten zum Alltag, selbst an solchen vornehmen Orten.
Ob nach einem opulenten römischen Mahl oder an Winterabenden am Kamin – ein kleines Würfelspielchen konnte für Unterhaltung sorgen, Wettfreude entfachen oder einfach die Verdauung fördern (so wie manche heute nach dem Essen eine Runde Mensch ärgere Dich nicht spielen).
Auch Kinder kamen auf ihre Kosten: Schon die römischen Kleinen lernten das Zocken im Kleinen, indem sie zum Beispiel mit Nüssen spielten – der Dichter Ovid berichtet, dass Kinder gerne um Nüsse würfelten
. Man kann sich also gut vorstellen, dass in der Villa Borg nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder mit einfachen Spielen und vielleicht kleinen Einsätzen (ein paar Nüsse oder Früchte) ihren Spaß hatten.
Würfelglück in allen Schichten: Vom Sklaven bis zum Kaiser
Das Würfelspiel war im alten Rom in allen Gesellschaftsschichten verbreitet – von einfachen Soldaten und Tavernenbesuchern bis hin zu den höchsten Kreisen. „Alea iacta est!“ – „Der Würfel ist gefallen!“ – soll Julius Caesar ausgerufen haben, als er den Rubikon überschritt und damit unwiderruflich den Bürgerkrieg begann
. Diese berühmte Redewendung zeigt, welch symbolische Kraft der Würfel als Sinnbild für Risiko und unwiderrufliche Entscheidungen hatte. Doch nicht nur als Metapher, auch ganz wortwörtlich wurde gewürfelt, was das Zeug hielt.
In römischen Tavernen – den sogenannten Popinae – flogen oft die Würfel über die Tische, begleitet von lautem Geschrei, Gelächter und manchmal auch Gezänk. Archäologen haben in Pompeji ein Fresko entdeckt (siehe Abb. 1 oben), das eine lebhafte Szene zeigt: Zwei Männer sitzen über einem Spieltisch und würfeln um Geld oder Ehre, während ein dritter Spieler daneben steht.
Offenbar kommt es zum Streit über das Ergebnis – wir sehen, wie der Wirt eingreifen muss und die Streithähne mit energischer Geste vor die Tür setzt. Daneben hängen Würste und Zwiebeln von der Decke, denn man war ja in einer Gastwirtschaft – Spiel und Essen gingen oft Hand in Hand. Unter dem Bild findet sich sogar eine Art Comic-Dialog in lateinischer Sprache: „Exsi(de) dep(v)gi, reddas mihi g(am)“ – das lässt sich sinngemäß übersetzen als: „Rück’ den Platz, du Nichtskönner, mach Platz für bessere Spieler!“
Ein handfester Hinweis darauf, dass es beim Würfeln schon damals heiß herging. Solche Anekdoten zeigen eindrücklich, dass Würfelspiele ein Massenphänomen waren – beliebt, laut und manchmal eben auch konfliktträchtig, genau wie heutige hitzige Pokerrunden oder Monopoly-Abende, bei denen Freundschaften kurz auf die Probe gestellt werden.
Natürlich spielten nicht alle Römer fair und harmlos. Glücksspiel konnte schnell in ernstes Zocken um Geld umschlagen.
Obwohl das Glücksspiel offiziell verboten war (außer während der Saturnalien und bei bestimmten Festen), kümmerte das kaum jemanden. Versteckte Hinterzimmer, Kneipen und sogar die Kasernen der Legionäre wurden zu Spielhöllen. So mancher Legionär an den Grenzen des Imperiums vertrieb sich die Langeweile, indem er mit seinen Kameraden um den Tageslohn würfelte – Archäologen finden auf römischen Militärplätzen regelmäßig Würfel und sogar ganze Spielbretter
Und falls ein strenges Auge nahte, konnte man die kleinen Würfel notfalls schnell in der Tunika verschwinden lassen oder in den nächsten Abfluss werfen.
Kein Wunder, dass Moralisten der Zeit wie der Dichter Horaz die Würfelei beklagten. Horaz spottete darüber, dass die jungen Adligen lieber verbotene Würfel werfen, als sich edleren Tätigkeiten zu widmen
. Und der Satiriker Juvenal wetterte, es sei doch Wahnsinn, 100.000 Sesterzen beim Spiel zu verzocken, während man nicht einmal Geld habe, seinem frierenden Sklaven ein neues Gewand zu kaufen
. Trotzdem: Diese bissigen Kommentare beweisen nur, wie verbreitet das Würfelspiel war – selbst wenn einige es als Laster ansahen, konnten viele Römer der Versuchung des würfelnden Glücks einfach nicht widerstehen.
Ganz oben auf der sozialen Leiter sah es nicht anders aus. Kaiser und Kaiserinnen waren ebenso vom Würfelfieber gepackt. Kaiser Augustus bekannte freimütig seine Liebe zum Spiel – er soll das Würfeln sogar an normalen Tagen praktiziert haben, nicht nur an den offiziell erlaubten Festtagen, allerdings “nur zum Zeitvertreib”, wie er betonte
. Kaiser Nero wiederum trieb es auf die Spitze: Laut dem Historiker Sueton soll Nero gelegentlich bis zu 400.000 Sesterzen auf einen einzigen Wurf gesetzt haben
– eine Summe, für die ein einfacher Bürger viele Jahre hätte arbeiten müssen. Das würde etwa so wirken, als würde heute jemand ein Luxusauto auf einen einzigen Würfelwurf verwetten – verrückt, aber offenbar nicht undenkbar für einen römischen Kaiser mit prall gefüllter Staatskasse.
Auch schummeln war kein unbekanntes Phänomen: Kaiser Caligula etwa war dafür berüchtigt, beim Spiel zu betrügen, wo er nur konnte
. Es ging in solchen Runden oft um hohe Einsätze und Prestige, da wollte man natürlich nicht verlieren. Um unfairen Praktiken entgegenzuwirken, entwickelten die Römer clevere Hilfsmittel:
Zum Beispiel den Würfelbecher (fritillus genannt) oder sogar Würfeltürme, durch die man die Würfel werfen konnte, damit niemand mit gezinkten Würfeln oder gezielten Fingertricks das Ergebnis beeinflusste. Solche Becher und Türme sorgten dafür, dass die Würfel ordentlich durchgemischt wurden – eine frühe Form von „Fair-Play“-Technik, die wir heute noch in Form von Würfelbechern bei Brettspielen nutzen.
Handwerkliche Kunst: Würfel von Knochen bis Gold
Wer stellte all die Würfel und Spielutensilien her, die in Rom so heiß begehrt waren? Hier kommt ein gewisser Lucilius Victorinus ins Spiel. In der Stadt Rom wurde nämlich eine Inschrift gefunden, die diesen Mann ehrt – und zwar nicht wegen politischer Taten, sondern wegen seines besonderen Handwerks. Lucilius Victorinus war ein Spezialist für Spielzeug und Spielzubehör: Er stellte Würfel, Würfelbecher und Spielbretter her
. Man kann sich seine Werkstatt vielleicht wie einen kleinen Laden in einer Seitengasse des Forum Romanum vorstellen.
Schon morgens hört man das Klopfen und Feilen: Lucilius sitzt an seinem Tisch und schnitzt konzentriert an einem Würfelrohling. In der Ecke klappert ein Lehrling mit einem Becher voll fertiger Würfel, den er gerade poliert hat. An der Wand hängen Würfelbecher aus Holz und Leder, und ein halbfertiges Spielbrett mit hübschen Einlegearbeiten steht auf dem Regal.
„Denk dran, Junge“, mag Lucilius seinem Lehrling erklären, „die gegenüberliegenden Zahlen müssen sieben ergeben! Sonst taugt der Würfel nichts.“ Streng begutachtet er die gebohrten Punkte auf dem kleinen Kubus und nickt zufrieden – alles korrekt.
Dann greift er in ein Fach und holt ein Stück Elfenbein heraus: „Schau, daraus wird ein Würfel für einen feinen Herrn. Der will was Edles in der Hand haben.“ Im nächsten Moment zeigt er auf einen Haufen unscheinbarer Tonwürfel: „Und die hier sind für die Tavernen – billig, aber tun ihren Zweck.“ In Lucilius’ Werkstatt lagern vermutlich die verschiedensten Materialien, denn Würfel wurden aus allem gemacht, was halbwegs formbar und haltbar war.
Ton, einfache Keramik oder sogar Blei dienten für billige Massenware; Holz und Knochen für solide Alltagswürfel; Bronze, Glas oder Elfenbein für die elegantere Variante
. Und für die Reichen und Schönen durfte es auch mal extravagant sein: Würfel aus Bernstein, die golden schimmern, oder gar aus purem Gold! (Tatsächlich erwähnt ein römischer Autor Würfel aus Gold – wohl eher als Prahlerei der Superreichen gedacht.)
Man kann sich gut vorstellen, wie ein wohlhabender Patrizier stolz seinen Würfelbeutel hervorzieht und die anderen mit glasklar funkelnden Bernsteinklötzchen neidisch macht. Währenddessen begnügt sich der Durchschnittsbürger mit einem einfachen Knochenwürfel – Hauptsache, er würfelt!
Abb. 2: Römische Würfel aus Knochen und Elfenbein (Museo Nazionale, Rom). Deutlich erkennbar sind die Kreisaugen-Punktmarkierungen. Oben im Bild: ein ungewöhnlich großer Würfelblock mit unvollendeten Würfeln – hier kann man gut sehen, wie ein Würfelrohling aus Knochen vor dem Zersägen aussah.
Die Vielfalt der Materialien zeigt auch, dass Würfel nicht nur Spielzeug waren, sondern auch ein Stück Kultur und Statussymbol.
Ein Set hübscher Würfel konnte ein ideales Geschenk sein – vielleicht brachte ein Händler aus fernen Provinzen einmal einen exotischen Würfel mit nach Borg, um den Villenbesitzer zu beeindrucken.
Oder ein verliebter junger Römer schenkte seiner Angebeteten einen zierlichen Würfel aus Bernstein, als verspielt-symbolisches Versprechen auf viele gemeinsame Spielabende (man denke an Ovids Rat in der Ars Amatoria, wo er empfahl, beim Spiel die Nähe der Damen zu suchen
). Würfel konnten sogar Aberglauben wecken: Manche Spieler ritzten kleine Symbole oder Buchstaben in ihre Würfel, in der Hoffnung auf Fortuna’s Gunst.
Andere hatten vielleicht ihren „Glückswürfel“, den sie wie einen Talisman behandelten – etwas, das viele moderne Casino-Gänger nur zu gut nachvollziehen können, wenn sie ihren Lieblingswürfel immer dabei haben.
Kaiser Claudius und die Kunst des Würfelspiels
Einer der prominentesten Würfelfans der Antike war Kaiser Claudius (10 v. Chr. – 54 n. Chr.). Claudius, oft als etwas schrulliger Gelehrter bekannt, hatte eine Leidenschaft, die so gar nicht zu seinem sonstigen Image passen will: Er war vernarrt ins Würfelspiel.
Seine Begeisterung ging so weit, dass er sogar ein eigenes Buch darüber verfasste! Dieses Werk mit dem Titel „De Arte Aleae“ – „Über die Kunst des Würfelspiels“ – ist leider verloren, doch der Historiker Sueton berichtet davon
. Man kann nur spekulieren, was Claudius in diesem Buch alles erklärte. Vielleicht gab er Tipps, wie man am geschicktesten würfelt, oder er erzählte von den berühmtesten Partien und gewagtesten Würfen seiner Zeit.
Möglicherweise philosophierte er sogar darüber, wie sehr das Glück doch eine Rolle spielt und dass letztlich die Götter über die Würfel entscheiden – wer weiß? Es wäre jedenfalls ein reizvoller Einblick in die Spielkultur am Kaiserhof.
Claudius’ Leidenschaft zeigte sich nicht nur in Schriftform. Der Kaiser soll auch dafür gesorgt haben, dass er unterwegs jederzeit spielen konnte. Laut Sueton ließ er sich einen Reisewagen so umbauen, dass ein stabiler Spieltisch integriert war
. So konnte Claudius selbst auf holprigen Straßen würfeln, ohne dass die Würfel vom Tisch flogen – quasi ein antiker Vorläufer unserer Reise-Brettspiele! Dieses Detail ist einfach herrlich: Stellen wir uns den Kaiser vor, wie er während einer langen Kutschenfahrt über Land fröhlich mit seinem Sekretär würfelt, während draußen die Landschaft vorbeirauscht.
Die Pferde traben, die Wachen reiten daneben, und drinnen hört man Claudius rufen: “Sechs! Schon wieder gewonnen!” Kein Wunder, dass Claudius in Rom als Spieler bekannt war.
Doch er war keineswegs der Einzige auf dem Thron mit solcher Vorliebe – das Würfelvirus hatte, wie gesehen, auch andere Kaiser erfasst. Vielleicht half das Spiel diesen mächtigen Männern, sich für einen Moment zu entspannen und einfach Mensch zu sein.
Einem Würfel ist es schließlich egal, ob man Kaiser oder gewöhnlicher Bürger ist – er fällt, wie er will. Dieses demokratische Element des Zufalls machte das Würfelspiel in der Antike (und macht es bis heute) so reizvoll. Jeder Wurf ist ein kleines Drama: Triumph oder Niederlage, alles liegt in der Hand des Schicksals – oder doch in der eigenen? Genau diese Mischung aus Hoffnung und Nervenkitzel hat die Menschen seit jeher an den Spieltisch gezogen.
Von der Antike bis heute: Die Faszination des Würfelns
Was macht es aus, dass wir auch nach 2000 Jahren immer noch Würfel werfen, fast so wie die Römer es taten? Sicher, heute spielen wir eher Kniffel, Backgammon oder Schlangen und Leitern statt Duodecim Scripta oder Aleatoria.
Aber greifen wir zum Würfelbecher, spüren wir im Grunde dasselbe Kribbeln wie ein römischer Gast in der Villa Borg beim Blick auf den kleinen Knochencube in seiner Hand.
Der sechsseitige Würfel ist zu einem der größten Dauerbrenner der Spielgeschichte geworden. Ob im familiären Brettspielabend, beim Kniffel-Pasch oder sogar im Casino beim Craps – wir vertrauen immer wieder diesem einfachen kleinen Kubus, der uns Zufall und Spannung schenkt. Interessanterweise hat sich das Design kaum verändert: Noch immer zieren kleine eingelassene Augen die Seiten (heute oft per Laser eingraviert oder als Kunststoffpunkte eingesetzt), und noch immer greifen wir gern auf Würfelbecher zurück, um ein faires Rollen zu gewährleisten – ganz im Sinne der römischen fritilli.
Natürlich hat die Moderne auch ihre Varianten hervorgebracht: Würfel mit 10, 20 oder sogar 100 Seiten für Rollenspiele und mathematische Spielereien – das hätte einen Lucilius Victorinus wohl staunen lassen! Doch der klassische “W6” (sechsseitige Würfel) bleibt unangefochten der Star.
Er findet sich in nahezu jedem Gesellschaftsspiel, sei es Monopoly, Mensch ärgere Dich nicht oder Siedler von Catan. Und fast jeder Haushalt besitzt ein oder mehrere Würfel, oft ohne groß darüber nachzudenken.
Dabei hält man mit einem handelsüblichen Kunststoffwürfel eigentlich ein Stück uralter Tradition in der Hand. Vielleicht denken wir beim nächsten Wurf in einer lockeren Spielrunde einmal daran, dass schon vor zwei Jahrtausenden in einer römischen Villa – etwa in Borg – ganz ähnliche Würfel über ganz ähnliche Tische kullerten.
Am kulturellen Stellenwert hat sich nämlich wenig geändert. Spiele dienen noch immer dazu, Menschen zusammenzubringen, Grenzen von Alter, Herkunft oder Rang zu überbrücken und gemeinsam Spaß zu haben.
In der Villa Borg saßen vielleicht der Gutsbesitzer, sein Nachbar vom nächsten Landgut und ein befreundeter Händler aus der Stadt gemeinsam beim Spiel – unterschiedlich im Status, aber für eine Stunde vereint im Wettkampf um die höchsten Würfe.
Heutzutage setzen wir uns mit Familie oder Freunden an den Tisch und fiebern ebenso mit. Die Leidenschaft ist dieselbe. Und genauso wie damals gibt es Glückssträhnen und Pechvögel, wird gejubelt, gelacht und manchmal auch geflucht (hoffentlich ohne, dass gleich jemand – wie einst der Papst Johannes XII. – den Teufel um Beistand anruft!).
Zum Glück können wir das römische Würfelspiel heute ganz ungefährdet genießen – drakonische Strafen für Glücksspiel (wie sie im Mittelalter mal vorkamen) müssen wir nicht fürchten. Stattdessen dürfen wir uns einfach an der Geschichte und der Gegenwart des Würfelns erfreuen.
Wenn Sie also das nächste Mal die Römische Villa Borg besuchen, werfen Sie unbedingt einen Blick auf den kleinen Knochenwürfel im Museum. Man spürt förmlich die Geschichten, die in ihm stecken.
Vielleicht bekommen Sie ja Lust, selbst mal einen römischen Spielabend zu erleben? In der rekonstruierten römischen Taverne der Villa ließe sich bestimmt ein Plätzchen finden, um mit nachgebildeten antiken Würfeln eine Runde zu spielen – selbstverständlich nur zum Spaß, pro bono, wie Augustus sagen würde.
Am Ende zeigt uns der Spielwürfel aus der Villa Borg vor allem eins: Menschen lieben das Spiel.
Damals wie heute wird gelacht, gezittert und gejubelt, sobald der Würfel rollt. Und so drücken wir es mit einem Augenzwinkern im (leicht abgewandelten) Sinne Caesars aus: „Alea iacta est – mögen die Würfel zu unseren Gunsten fallen!“ Viel Glück und – vor allem – viel Spaß beim Spielen!
Der römische Spielwürfel aus der Villa Borg – Spiele, Spaß und Spannung im antiken Rom
Klack-klack-klack – ein kleiner Würfel aus Tierknochen tanzt über den hölzernen Tisch, während die Abendsonne schräg in den Innenhof der Villa Borg fällt. Rund um den Tisch halten ein paar Gäste und Familienmitglieder den Atem an. Wird es eine Sechs? Endlich bleibt der Würfel liegen – Jubel auf der einen, enttäuschtes Stöhnen auf der anderen Seite. So oder so ähnlich könnte es vor fast 2000 Jahren im römischen Landgut Villa Borg geklungen haben, wenn die Bewohner bei einem Würfelspiel die Zeit vergaßen. Heute können wir in diesem Archäologiepark nicht nur erahnen, wie die Römer lebten und feierten, sondern auch anhand eines besonderen Fundstücks – eines originalen römischen Spielwürfels – einen lebhaften Eindruck vom Spiel und Spaß in der Antike bekommen.
Ein kleiner Würfel mit großer Geschichte
Schon der gefundene Würfel selbst erzählt eine spannende Geschichte. Auf den ersten Blick sieht er einem heutigen Spielwürfel verblüffend ähnlich: sechs Seiten mit Punkten von eins bis sechs, sauber in den Würfel eingebohrt. Tatsächlich folgt die Anordnung der Punkte exakt dem auch heute üblichen Muster: 1 liegt gegenüber von 6, 2 gegenüber von 5, 3 gegenüber von 4, sodass gegenüberliegende Seiten immer die Summe 7 ergeben
. Diese Konfiguration ist also keine moderne Erfindung – bereits in der Antike achtete man darauf. Ein byzantinischer Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts, Eustathios von Epiphaneia, hielt sogar ausdrücklich fest, dass Würfel so zu nummerieren seien, dass die gegenüberliegenden Seiten zusammen sieben ergeben
. Unser Borg-Würfel folgt genau dieser Regel. Es ist faszinierend zu sehen, dass etwas so Alltägliches wie die Punktanordnung auf einem Würfel seit mindestens anderthalb Jahrtausenden unverändert geblieben ist.
Der Würfel aus der Villa Borg misst gerade einmal rund einen Zentimeter Kantenlänge – in etwa so groß wie ein heutiger Zuckerwürfel. Gefertigt ist er aus Tierknochen, wahrscheinlich Rinder- oder Schafsknochen, der sorgfältig zugeschnitten und glatt geschliffen wurde
. Seine Oberfläche schimmert schwarz bis dunkelbeige, fast als hätte man ihn poliert, damit er gut in der Hand liegt
. Die Augen, also die Punktmarkierungen, sind als Kreisaugen gestaltet – das heißt, jeder Punkt ist von einem feinen Kreis umgeben, was dem Würfel ein dekoratives Aussehen gibt. Solche Kreisaugen waren in römischer Zeit verbreitet und halfen, die Vertiefungen der Augen besser sichtbar zu machen. Man kann sich vorstellen, wie dieser kleine Würfel durch viele Hände ging: vielleicht von dem Besitzer der Villa höchstpersönlich, vielleicht aber auch von seinen Bediensteten oder Gästen, die sich bei einem Spielchen die Zeit vertrieben.
Abb. 1: Blick in eine römische Taverne – Ein Fresko aus Pompeji zeigt Würfelspieler, die offenbar in Streit geraten. Der Wirt (rechts) wirft die beiden Streithähne kurzerhand hinaus. Solche Szenen belegen, wie beliebt (und hitzig) Würfelspiele im alten Rom waren.
Interessant ist, dass der Würfel als Fundstück in einem luxuriösen Landhaus auftaucht. Die Villa Borg war kein einfaches Bauernhaus, sondern ein großzügiges Anwesen mit Badeanlage, Festsaal und sogar einer eigenen Taverne. Dass man hier einen Würfel fand, zeigt: Spiele gehörten zum Alltag, selbst an solchen vornehmen Orten. Ob nach einem opulenten römischen Mahl oder an Winterabenden am Kamin – ein kleines Würfelspielchen konnte für Unterhaltung sorgen, Wettfreude entfachen oder einfach die Verdauung fördern (so wie manche heute nach dem Essen eine Runde Mensch ärgere Dich nicht spielen). Auch Kinder kamen auf ihre Kosten: Schon die römischen Kleinen lernten das Zocken im Kleinen, indem sie zum Beispiel mit Nüssen spielten – der Dichter Ovid berichtet, dass Kinder gerne um Nüsse würfelten
. Man kann sich also gut vorstellen, dass in der Villa Borg nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder mit einfachen Spielen und vielleicht kleinen Einsätzen (ein paar Nüsse oder Früchte) ihren Spaß hatten.
Würfelglück in allen Schichten: Vom Sklaven bis zum Kaiser
Das Würfelspiel war im alten Rom in allen Gesellschaftsschichten verbreitet – von einfachen Soldaten und Tavernenbesuchern bis hin zu den höchsten Kreisen. „Alea iacta est!“ – „Der Würfel ist gefallen!“ – soll Julius Caesar ausgerufen haben, als er den Rubikon überschritt und damit unwiderruflich den Bürgerkrieg begann
. Diese berühmte Redewendung zeigt, welch symbolische Kraft der Würfel als Sinnbild für Risiko und unwiderrufliche Entscheidungen hatte. Doch nicht nur als Metapher, auch ganz wortwörtlich wurde gewürfelt, was das Zeug hielt.
In römischen Tavernen – den sogenannten Popinae – flogen oft die Würfel über die Tische, begleitet von lautem Geschrei, Gelächter und manchmal auch Gezänk. Archäologen haben in Pompeji ein Fresko entdeckt (siehe Abb. 1 oben), das eine lebhafte Szene zeigt: Zwei Männer sitzen über einem Spieltisch und würfeln um Geld oder Ehre, während ein dritter Spieler daneben steht. Offenbar kommt es zum Streit über das Ergebnis – wir sehen, wie der Wirt eingreifen muss und die Streithähne mit energischer Geste vor die Tür setzt. Daneben hängen Würste und Zwiebeln von der Decke, denn man war ja in einer Gastwirtschaft – Spiel und Essen gingen oft Hand in Hand. Unter dem Bild findet sich sogar eine Art Comic-Dialog in lateinischer Sprache: „Exsi(de) dep(v)gi, reddas mihi g(am)“ – das lässt sich sinngemäß übersetzen als: „Rück’ den Platz, du Nichtskönner, mach Platz für bessere Spieler!“ Ein handfester Hinweis darauf, dass es beim Würfeln schon damals heiß herging. Solche Anekdoten zeigen eindrücklich, dass Würfelspiele ein Massenphänomen waren – beliebt, laut und manchmal eben auch konfliktträchtig, genau wie heutige hitzige Pokerrunden oder Monopoly-Abende, bei denen Freundschaften kurz auf die Probe gestellt werden.
Natürlich spielten nicht alle Römer fair und harmlos. Glücksspiel konnte schnell in ernstes Zocken um Geld umschlagen. Obwohl das Glücksspiel offiziell verboten war (außer während der Saturnalien und bei bestimmten Festen), kümmerte das kaum jemanden. Versteckte Hinterzimmer, Kneipen und sogar die Kasernen der Legionäre wurden zu Spielhöllen. So mancher Legionär an den Grenzen des Imperiums vertrieb sich die Langeweile, indem er mit seinen Kameraden um den Tageslohn würfelte – Archäologen finden auf römischen Militärplätzen regelmäßig Würfel und sogar ganze Spielbretter
. Und falls ein strenges Auge nahte, konnte man die kleinen Würfel notfalls schnell in der Tunika verschwinden lassen oder in den nächsten Abfluss werfen. Kein Wunder, dass Moralisten der Zeit wie der Dichter Horaz die Würfelei beklagten. Horaz spottete darüber, dass die jungen Adligen lieber verbotene Würfel werfen, als sich edleren Tätigkeiten zu widmen
. Und der Satiriker Juvenal wetterte, es sei doch Wahnsinn, 100.000 Sesterzen beim Spiel zu verzocken, während man nicht einmal Geld habe, seinem frierenden Sklaven ein neues Gewand zu kaufen
. Trotzdem: Diese bissigen Kommentare beweisen nur, wie verbreitet das Würfelspiel war – selbst wenn einige es als Laster ansahen, konnten viele Römer der Versuchung des würfelnden Glücks einfach nicht widerstehen.
Ganz oben auf der sozialen Leiter sah es nicht anders aus. Kaiser und Kaiserinnen waren ebenso vom Würfelfieber gepackt. Kaiser Augustus bekannte freimütig seine Liebe zum Spiel – er soll das Würfeln sogar an normalen Tagen praktiziert haben, nicht nur an den offiziell erlaubten Festtagen, allerdings “nur zum Zeitvertreib”, wie er betonte
. Kaiser Nero wiederum trieb es auf die Spitze: Laut dem Historiker Sueton soll Nero gelegentlich bis zu 400.000 Sesterzen auf einen einzigen Wurf gesetzt haben
– eine Summe, für die ein einfacher Bürger viele Jahre hätte arbeiten müssen. Das würde etwa so wirken, als würde heute jemand ein Luxusauto auf einen einzigen Würfelwurf verwetten – verrückt, aber offenbar nicht undenkbar für einen römischen Kaiser mit prall gefüllter Staatskasse.
Auch schummeln war kein unbekanntes Phänomen: Kaiser Caligula etwa war dafür berüchtigt, beim Spiel zu betrügen, wo er nur konnte
. Es ging in solchen Runden oft um hohe Einsätze und Prestige, da wollte man natürlich nicht verlieren. Um unfairen Praktiken entgegenzuwirken, entwickelten die Römer clevere Hilfsmittel: Zum Beispiel den Würfelbecher (fritillus genannt) oder sogar Würfeltürme, durch die man die Würfel werfen konnte, damit niemand mit gezinkten Würfeln oder gezielten Fingertricks das Ergebnis beeinflusste. Solche Becher und Türme sorgten dafür, dass die Würfel ordentlich durchgemischt wurden – eine frühe Form von „Fair-Play“-Technik, die wir heute noch in Form von Würfelbechern bei Brettspielen nutzen.
Handwerkliche Kunst: Würfel von Knochen bis Gold
Wer stellte all die Würfel und Spielutensilien her, die in Rom so heiß begehrt waren? Hier kommt ein gewisser Lucilius Victorinus ins Spiel. In der Stadt Rom wurde nämlich eine Inschrift gefunden, die diesen Mann ehrt – und zwar nicht wegen politischer Taten, sondern wegen seines besonderen Handwerks. Lucilius Victorinus war ein Spezialist für Spielzeug und Spielzubehör: Er stellte Würfel, Würfelbecher und Spielbretter her
. Man kann sich seine Werkstatt vielleicht wie einen kleinen Laden in einer Seitengasse des Forum Romanum vorstellen. Schon morgens hört man das Klopfen und Feilen: Lucilius sitzt an seinem Tisch und schnitzt konzentriert an einem Würfelrohling. In der Ecke klappert ein Lehrling mit einem Becher voll fertiger Würfel, den er gerade poliert hat. An der Wand hängen Würfelbecher aus Holz und Leder, und ein halbfertiges Spielbrett mit hübschen Einlegearbeiten steht auf dem Regal.
„Denk dran, Junge“, mag Lucilius seinem Lehrling erklären, „die gegenüberliegenden Zahlen müssen sieben ergeben! Sonst taugt der Würfel nichts.“ Streng begutachtet er die gebohrten Punkte auf dem kleinen Kubus und nickt zufrieden – alles korrekt. Dann greift er in ein Fach und holt ein Stück Elfenbein heraus: „Schau, daraus wird ein Würfel für einen feinen Herrn. Der will was Edles in der Hand haben.“ Im nächsten Moment zeigt er auf einen Haufen unscheinbarer Tonwürfel: „Und die hier sind für die Tavernen – billig, aber tun ihren Zweck.“ In Lucilius’ Werkstatt lagern vermutlich die verschiedensten Materialien, denn Würfel wurden aus allem gemacht, was halbwegs formbar und haltbar war. Ton, einfache Keramik oder sogar Blei dienten für billige Massenware; Holz und Knochen für solide Alltagswürfel; Bronze, Glas oder Elfenbein für die elegantere Variante
. Und für die Reichen und Schönen durfte es auch mal extravagant sein: Würfel aus Bernstein, die golden schimmern, oder gar aus purem Gold! (Tatsächlich erwähnt ein römischer Autor Würfel aus Gold – wohl eher als Prahlerei der Superreichen gedacht.) Man kann sich gut vorstellen, wie ein wohlhabender Patrizier stolz seinen Würfelbeutel hervorzieht und die anderen mit glasklar funkelnden Bernsteinklötzchen neidisch macht. Währenddessen begnügt sich der Durchschnittsbürger mit einem einfachen Knochenwürfel – Hauptsache, er würfelt!
Abb. 2: Römische Würfel aus Knochen und Elfenbein (Museo Nazionale, Rom). Deutlich erkennbar sind die Kreisaugen-Punktmarkierungen. Oben im Bild: ein ungewöhnlich großer Würfelblock mit unvollendeten Würfeln – hier kann man gut sehen, wie ein Würfelrohling aus Knochen vor dem Zersägen aussah.
Die Vielfalt der Materialien zeigt auch, dass Würfel nicht nur Spielzeug waren, sondern auch ein Stück Kultur und Statussymbol. Ein Set hübscher Würfel konnte ein ideales Geschenk sein – vielleicht brachte ein Händler aus fernen Provinzen einmal einen exotischen Würfel mit nach Borg, um den Villenbesitzer zu beeindrucken. Oder ein verliebter junger Römer schenkte seiner Angebeteten einen zierlichen Würfel aus Bernstein, als verspielt-symbolisches Versprechen auf viele gemeinsame Spielabende (man denke an Ovids Rat in der Ars Amatoria, wo er empfahl, beim Spiel die Nähe der Damen zu suchen
). Würfel konnten sogar Aberglauben wecken: Manche Spieler ritzten kleine Symbole oder Buchstaben in ihre Würfel, in der Hoffnung auf Fortuna’s Gunst. Andere hatten vielleicht ihren „Glückswürfel“, den sie wie einen Talisman behandelten – etwas, das viele moderne Casino-Gänger nur zu gut nachvollziehen können, wenn sie ihren Lieblingswürfel immer dabei haben.
Kaiser Claudius und die Kunst des Würfelspiels
Einer der prominentesten Würfelfans der Antike war Kaiser Claudius (10 v. Chr. – 54 n. Chr.). Claudius, oft als etwas schrulliger Gelehrter bekannt, hatte eine Leidenschaft, die so gar nicht zu seinem sonstigen Image passen will: Er war vernarrt ins Würfelspiel. Seine Begeisterung ging so weit, dass er sogar ein eigenes Buch darüber verfasste! Dieses Werk mit dem Titel „De Arte Aleae“ – „Über die Kunst des Würfelspiels“ – ist leider verloren, doch der Historiker Sueton berichtet davon
. Man kann nur spekulieren, was Claudius in diesem Buch alles erklärte. Vielleicht gab er Tipps, wie man am geschicktesten würfelt, oder er erzählte von den berühmtesten Partien und gewagtesten Würfen seiner Zeit. Möglicherweise philosophierte er sogar darüber, wie sehr das Glück doch eine Rolle spielt und dass letztlich die Götter über die Würfel entscheiden – wer weiß? Es wäre jedenfalls ein reizvoller Einblick in die Spielkultur am Kaiserhof.
Claudius’ Leidenschaft zeigte sich nicht nur in Schriftform. Der Kaiser soll auch dafür gesorgt haben, dass er unterwegs jederzeit spielen konnte. Laut Sueton ließ er sich einen Reisewagen so umbauen, dass ein stabiler Spieltisch integriert war
. So konnte Claudius selbst auf holprigen Straßen würfeln, ohne dass die Würfel vom Tisch flogen – quasi ein antiker Vorläufer unserer Reise-Brettspiele! Dieses Detail ist einfach herrlich: Stellen wir uns den Kaiser vor, wie er während einer langen Kutschenfahrt über Land fröhlich mit seinem Sekretär würfelt, während draußen die Landschaft vorbeirauscht. Die Pferde traben, die Wachen reiten daneben, und drinnen hört man Claudius rufen: “Sechs! Schon wieder gewonnen!” Kein Wunder, dass Claudius in Rom als Spieler bekannt war.
Doch er war keineswegs der Einzige auf dem Thron mit solcher Vorliebe – das Würfelvirus hatte, wie gesehen, auch andere Kaiser erfasst. Vielleicht half das Spiel diesen mächtigen Männern, sich für einen Moment zu entspannen und einfach Mensch zu sein. Einem Würfel ist es schließlich egal, ob man Kaiser oder gewöhnlicher Bürger ist – er fällt, wie er will. Dieses demokratische Element des Zufalls machte das Würfelspiel in der Antike (und macht es bis heute) so reizvoll. Jeder Wurf ist ein kleines Drama: Triumph oder Niederlage, alles liegt in der Hand des Schicksals – oder doch in der eigenen? Genau diese Mischung aus Hoffnung und Nervenkitzel hat die Menschen seit jeher an den Spieltisch gezogen.
Von der Antike bis heute: Die Faszination des Würfelns
Was macht es aus, dass wir auch nach 2000 Jahren immer noch Würfel werfen, fast so wie die Römer es taten? Sicher, heute spielen wir eher Kniffel, Backgammon oder Schlangen und Leitern statt Duodecim Scripta oder Aleatoria. Aber greifen wir zum Würfelbecher, spüren wir im Grunde dasselbe Kribbeln wie ein römischer Gast in der Villa Borg beim Blick auf den kleinen Knochencube in seiner Hand. Der sechsseitige Würfel ist zu einem der größten Dauerbrenner der Spielgeschichte geworden. Ob im familiären Brettspielabend, beim Kniffel-Pasch oder sogar im Casino beim Craps – wir vertrauen immer wieder diesem einfachen kleinen Kubus, der uns Zufall und Spannung schenkt. Interessanterweise hat sich das Design kaum verändert: Noch immer zieren kleine eingelassene Augen die Seiten (heute oft per Laser eingraviert oder als Kunststoffpunkte eingesetzt), und noch immer greifen wir gern auf Würfelbecher zurück, um ein faires Rollen zu gewährleisten – ganz im Sinne der römischen fritilli.
Natürlich hat die Moderne auch ihre Varianten hervorgebracht: Würfel mit 10, 20 oder sogar 100 Seiten für Rollenspiele und mathematische Spielereien – das hätte einen Lucilius Victorinus wohl staunen lassen! Doch der klassische “W6” (sechsseitige Würfel) bleibt unangefochten der Star. Er findet sich in nahezu jedem Gesellschaftsspiel, sei es Monopoly, Mensch ärgere Dich nicht oder Siedler von Catan. Und fast jeder Haushalt besitzt ein oder mehrere Würfel, oft ohne groß darüber nachzudenken. Dabei hält man mit einem handelsüblichen Kunststoffwürfel eigentlich ein Stück uralter Tradition in der Hand. Vielleicht denken wir beim nächsten Wurf in einer lockeren Spielrunde einmal daran, dass schon vor zwei Jahrtausenden in einer römischen Villa – etwa in Borg – ganz ähnliche Würfel über ganz ähnliche Tische kullerten.
Am kulturellen Stellenwert hat sich nämlich wenig geändert. Spiele dienen noch immer dazu, Menschen zusammenzubringen, Grenzen von Alter, Herkunft oder Rang zu überbrücken und gemeinsam Spaß zu haben. In der Villa Borg saßen vielleicht der Gutsbesitzer, sein Nachbar vom nächsten Landgut und ein befreundeter Händler aus der Stadt gemeinsam beim Spiel – unterschiedlich im Status, aber für eine Stunde vereint im Wettkampf um die höchsten Würfe. Heutzutage setzen wir uns mit Familie oder Freunden an den Tisch und fiebern ebenso mit. Die Leidenschaft ist dieselbe. Und genauso wie damals gibt es Glückssträhnen und Pechvögel, wird gejubelt, gelacht und manchmal auch geflucht (hoffentlich ohne, dass gleich jemand – wie einst der Papst Johannes XII. – den Teufel um Beistand anruft!).
Zum Glück können wir das römische Würfelspiel heute ganz ungefährdet genießen – drakonische Strafen für Glücksspiel (wie sie im Mittelalter mal vorkamen) müssen wir nicht fürchten. Stattdessen dürfen wir uns einfach an der Geschichte und der Gegenwart des Würfelns erfreuen. Wenn Sie also das nächste Mal die Römische Villa Borg besuchen, werfen Sie unbedingt einen Blick auf den kleinen Knochenwürfel im Museum. Man spürt förmlich die Geschichten, die in ihm stecken. Vielleicht bekommen Sie ja Lust, selbst mal einen römischen Spielabend zu erleben? In der rekonstruierten römischen Taverne der Villa ließe sich bestimmt ein Plätzchen finden, um mit nachgebildeten antiken Würfeln eine Runde zu spielen – selbstverständlich nur zum Spaß, pro bono, wie Augustus sagen würde. 😉
Am Ende zeigt uns der Spielwürfel aus der Villa Borg vor allem eins: Menschen lieben das Spiel. Damals wie heute wird gelacht, gezittert und gejubelt, sobald der Würfel rollt. Und so drücken wir es mit einem Augenzwinkern im (leicht abgewandelten) Sinne Caesars aus: „Alea iacta est – mögen die Würfel zu unseren Gunsten fallen!“ Viel Glück und – vor allem – viel Spaß beim Spielen!
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